Unsere Autorin hat – abgesehen vom Kunstunterricht oder gelegentlichem Weißeln – kaum je einen Pinsel in der Hand gehalten. Und doch hat die weltberühmte Künstlervereinigung ihr Leben geprägt.
Ich bin in Sindelsdorf aufgewachsen. Dort gründeten Franz Marc und Wassily Kandinsky den Blauen Reiter. Täglich ging ich auf meinem Schulweg an jener Gartenlaube vorbei, die als Gründungsort in die Kunstgeschichte einging. Die Laube ist zart, beinahe filigran – ein Fremdkörper zwischen den robusten Hütten unseres Bauerndorfs.
Der Münchner Franz Marc und die Berlinerin Maria Franck mieteten sich in Sindelsdorf ein. Gabriele Münter, ebenfalls aus Berlin, und der in Moskau geborene Wassily Kandinsky ließen sich in Murnau nieder. Ihre Bleibe hieß dort fortan „Russenhaus“. Die Maler schwärmten – vom Blau des Himmels, das tiefer schien als anderswo, vom Grün der Natur, das unverfälschtes Landleben versprach.
„Den ‚Blauen Reiter‘ erfanden wir am Kaffeetisch, in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau. Franz Marc die Pferde, ich die Reiter.“
Gartenlaube Sindelsdorf
Die erste Ausstellung des Blauen Reiter fand im Winter 1911 in der Münchner Galerie Thannhauser statt und wurde zum Aufbruch in die Moderne. Der Almanach Blauer Reiter, veröffentlicht 1912 im Piper Verlag, war ein leidenschaftliches Manifest gegen die herrschenden Konventionen der Kunstwelt. Das Buch versammelte neben Werken von Marc und Kandinsky zudem Texte und Bilder von Macke, Kubin, Schönberg und anderen. Alle waren überzeugt, an der Schwelle einer neuen geistigen Epoche zu stehen.
Im bäuerlichen Sindelsdorf jedoch galten die Maler als Sonderlinge. Man tuschelte über die „wilden Ehen“ von Marc und Kandinsky, über Rehe, die sich Marc im Gehege hielt, über nacktes Umherlaufen in der Wohnung. Und darüber, dass ein erwachsener Mann vom Malen leben konnte – obwohl seine Tiere nicht einmal aussahen wie echt.
Sindelsdorf
Meine Oma war noch ein Schulkind, als Marc bei Familie Niggl in Sindelsdorf zur Untermiete im Dachboden wohnte. Sie war im Alter von Anna Niggl. Was ein Reiter – gleich welcher Farbe – mit einer Gartenlaube zu tun hatte, wussten beide auch nicht. Nur dass da ein Künstler bei den Niggls einquartiert gewesen war, der „wie wild“ gemalt habe. Und dass seine Werke heute in Museen von München bis New York hängen.
Eine Dorfgeschichte Sindelsdorfs, in einer Fernsehreportage der 70er Jahre verewigt, erzählt von einem Jungen, der von Franz Marc geohrfeigt wurde, weil er besagte Rehe im Gehege ärgerte. Die anderen Dorfbuben waren ebenso beteiligt, doch er, der Kleinste, war nicht schnell genug davongelaufen. Jahrzehnte später, Marc längst tot und der zweite Weltkrieg gerade vorbei, warf dieser mittlerweile erwachsene Mann einen ganzen Schubkarren voller Überbleibsel von Marc, darunter Zeichnungen und Gemälde auf einen Haufen – und zündete alles an.
Heute wären diese Werke Millionen wert. Bedauert hat er seine Tat nicht. Ich habe den Herrn noch persönlich gekannt und es aus seinem Mund gehört. Keine Reue. Absolut nicht. Nur eine einzige Zeichnung von Franz Marc überlebte, weil er da selbst als Kleinkind abgebildet war.
Vom Feuer, in dem Marcs Hinterlassenschaften loderten, erzählte er nicht nur den TV-Teams, immer wieder auch im Gasthof zu Post, der Wirtschaft Sindelsdorfs, in der ich sehr viel Zeit verbrachte, weil mein Onkel Ludwig der Wirt war. Franz Marc verband eine lose Freundschaft mit dem vorherigen Wirt, dem Vater meines Onkels.
In den 50er- und 60er-Jahren setzte ein regelrechter Pilgerstrom nach Sindelsdorf ein. Besucher aus ganz Deutschland wollten den Dachboden sehen, auf dem Marc gearbeitet hatte. Maria Niggl erzählte mir schmunzelnd, manche hätten um ein Stück Holz mit einem „Farbbatzen“ gebeten, andere seien niedergekniet und hätten die Farbspritzer geküsst – „weil’s vom Franz Marc san“.
Moorweg bei Sindelsdorf
In meiner Kindheit erschien Sindelsdorf in der Kunstwelt berühmter als das größere Murnau, wo Gabriele Münter gelebt hatte. In den 70er-Jahren hielt sich das kunsthistorische Engagement dort noch in Grenzen. Gabriele Münter war 1962 gestorben, zwei Jahre vor meiner Geburt. Viele Murnauer kannten sie noch. Wussten, wo sie Farben gekauft hatte, bei welchem Friseur ihr ein Haarschnitt geschenkt wurde, bei welchem Bauern sie Milch holte. Vor allem aber: Dass sie sehr lange keine Anerkennung für ihre Kunst bekommen hatte. Erst am Lebensende ein wenig.
Heutriste bei Sindelsdorf
Die Hügel, die Fassaden, die schiefen Linien – vieles, was Münter gemalt hatte, kannte ich als reale Motive. Dass diese Frau unter einem gebrochenem Herzen gelitten hatte, rührte mich. Mein erster eigener Liebeskummer war noch frisch. Als Kandinsky 1914 wegen des Krieges nach Russland zurückkehren musste, verschwand er ganz aus Münters Leben. Sie ließ ihn suchen. War er verwundet? Vermisst? Gefallen? Nein. Er hatte in Moskau eine dreißig Jahre jüngere Frau geheiratet. Münter tobte, als sie es erfuhr.
Ein Anwalt Kandinskys setzte Münter zudem enorm unter Druck, ihm seine Werke zurück zu geben. Sie rückte dennoch nichts heraus und rettete die Sammlung über die dunkelsten Jahre. Ihre eigenen und die der Nazi-Jahre, wo sie als „entartete Kunst“ galt. Kandinsky wurde zu seinen Lebzeiten noch weltberühmt. Münter nicht, sie lebte bis ans Ende ihrer Tage bescheiden in Murnau. Ein einziger Bilderverkauf hätte Münter finanziell gerettet. Sie aber hielt alle Werke des Blauen Reiter, die sie einst im Keller vor den Nazis versteckt hatte, zusammen. An ihrem 80. Geburtstag vermachte sie ihre Sammlung der Stadt München. Diese Schenkung machte das Lenbachhaus zu einem Museum von Weltrang. Vieles, was Münter vor den Nationalsozialisten verborgen hatte, bildet bis heute das Herz der Sammlung.
Gabriele Münter Haus
Das Gemälde „Zwei Frauen am Berg“ zeigt zwei (von drei) von Marcs Geliebten auf der Wiese vor der Staffelalm: Maria Franck und Marie Schnür. Mit Schnür ging er eine Scheinehe ein, um ihr den Zugang zu ihrem unehelichen Kind zu ermöglichen. Vielleicht war diese rührselige Erklärung aber auch nur ein Versuch, die aufgebrachte Maria Franck zu beschwichtigen. Währenddessen litt Marcs dritte Geliebte, die verheiratete Annette Simon, eher im Stillen.
Was auf der Leinwand wie ein harmonischer Ausflug wirkt, wurde bald zum Eifersuchtsdrama. Entgegen aller Absprachen klagte Marie Schnür bei der Scheidung überraschend auf Ehebruch – und verhinderte so zehn Jahre lang, dass Marc ihre Nebenbuhlerin Maria Franck heiraten konnte. Erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden Maria und Franz standesamtlich ein Paar. Kurz zuvor hatten sie noch Tage auf der Staffelalm verbracht und die Mobilmachung versäumt. Auf einem frühen Wandbild von Marc auf der Staffelalm läuft – ganz gegen die Natur – eine Hirschkuh dem Hirsch nach. „Wie dem Maler die Frauen“, sinniert meine Mutter trocken.
Staffelalm
Franz Marc und August Macke meldeten sich, wie so viele ihrer Zeitgenossen, freiwillig für die Front.
Wie Phönix aus der Asche, so sollte sich eine neue, bessere Welt aus den Trümmern des Krieges erheben. Die Maler erleben stattdessen die Apokalypse: Macke stirbt bereits in den ersten Kriegswochen mit 27 Jahren. Marc zwei Jahre später, 36jährig. Das Grauen an der Front hält er in seinem Skizzenbuch aus dem Felde fest.
Welch ein Leben, was für verzwickte Liebschaften und Wirrungen. Nicht nur Marc, auch die anderen des Blauen Reiter übertrafen jede dramatische Serie, die in den 80 Jahre so in waren, dachte ich. Denver Clan war geradezu brav dagegen.
Im Zug zurück vom Lenbachhaus sprach uns ein Fremder auf den Ausstellungskatalog an. Wir redeten die ganze Fahrt mit ihm über den Blauen Reiter. Beim Aussteigen lud er uns ein, ihn in Ried zu besuchen. Er wohne gegenüber dem ehemaligen Marc-Haus. Ich fand den kunstinteressierten Herrn aus dem Zug tatsächlich wieder, als ich kurz darauf auf den Spuren des blauen Reiters Richtung Kochelsee radelte.
So lernte ich: Mit dem Blauen Reiter knüpft man Kontakte.
Mit der Zugbekanntschaft blieb ich in Kontakt. Wann immer ich den freundlichen Herrn in Ried besuchte, plauderten wir über den blauen Reiter. Diese Freundschaft führte mich schließlich sogar nach New York. Denn eines Tages erzählte mir Felix (wir waren mittlerweile per du) seine Tochter suche ein Kindermädchen. Wäre das nicht was für mich? Ich war gerade mit der Schule fertig und sofort Feuer und Flamme. So zog ich mit den beiden nach New York. Wenn ich frei hatte, besuchte ich die Museen dort. Im Guggenheim sah ich Marc, im MoMA Kandinsky. Wow. Bilder, die in Sindelsdorf einst Kopfschütteln ausgelöst hatten, waren nun weltberühmt.
Zurück aus der Steinwüste New Yorks zog es mich ins Grün, zur Staffelalm. Sie ist nur zehn Kilometer von Sindelsdorf entfernt. Dort zeigt die Sennerin noch heute Marcs Wandbilder: Stierkopf und Hirschpaar. Jahrzehntelang waren sie übertüncht gewesen. Erst 1996 legte man sie unter sieben Farbschichten wieder frei.
Franz Marc Gemälde in der Staffelam
Heute bewirtschaftet die junge Sennerin in den vier Sommermonaten die Alm. In ihrer warmen Stube, zwischen Holzfeuer und Brotzeit, leuchten Marcs Hirsche an der Wand – still, selbstverständlich. Als wären sie immer schon da gewesen. Genau wie die Gartenlaube in Sindelsdorf. An der ich jahrelang vorbeigelaufen war, mit Schulranzen auf dem Rücken und Heugeruch in der Nase.